Kitesurfen kann Jeder! Jeder?

EIn Kite braucht auch mal eine Pause

Wille, Technik und Geduld

„Es ist alles eine Frage der Technik“ sagt Thomas, „bring jetzt erstmal deinen Kite in den Zenit“. Ich stehe im hüfttiefen Wasser und noch ehe ich weiß, wie ich das anstelle, macht mein Kite einen Ruck und reißt mich in die Luft. Nach wenigen Metern platsche ich wie ein Sandsack mit dem Gesicht zuerst ins kühle Nass. Das Segel flattert und stürzt nach unten. Kurze Zeit später steht mein Kite wieder angriffslustig in Startposition. Weiter geht’s. Aufgeben gibt’s nicht.

 

 

Kitesurfen ist, wie viele Sportarten viel Technik. Und es kostet etwas Überwindung denn wenn der Wind in den Kite greift geht alles ganz schnell.

 

In Hindeloopen am Ijsslemeer beginnt die Kitesurf-Saison im April. Ein Monat, der macht was er will. Mal ist es böig, dann scheint wieder die Sonne. Bei Flaute heißt es warten und sich am Deich die Zeit vertreiben. Zusammen mit den grasenden Schafen, die wie die rund 1.000 Einwohner fester Bestandteil der kleinen niederländischen Stadt im Südwesten der Provinz Friesland sind. Nach dem Bau des 27 Kilometer entfernten Abschlussdeichs, dem Afsluitdijk, wurde das  Ijsselmeer 1932 zu einem Binnensee. Seitdem gibt es für Segler und Surfer kein Halten mehr.

 


Nicht jeder will es, aber Jeder kann es

Ob groß oder klein, dick oder dünn: Kite surfen kann Jeder. Jeder? Nach der Theorie bekommt jedes Zweierteam Neoprenanzüge und einen Rucksack mit einem Kite. Hier eine Leine da ein Knoten und schon liegt ein Miniatur Segel auf der Wiese vor mir.  Kaum steht das Segel über mir in der Luft mache ich ungewollte Luftsprüngen auf der Wiese. Trockenübung muss sein.

So muss es auch den Legaignoux-Brüder in den 80er Jahren ergangen sein. Sie erfanden den aufblasbaren Lenkdrachen, der fast genauso aussah wie ein heutiger Tubekite. Einige Jahre später legen der Aerodynamiker Bill Roeseler und sein Sohn Corey mit einem ersten KiteSki-System nach. Für mich heißt die beste Erfindungen aber  „Quickrelease“. Eine Vorrichtung mit der ich mich von meinem Drachen trennen kann, wenn es zu brenzlig wird.

 


Ohne Trockenübungen geht gar Nichts

 

Aber da bin ich noch lange nicht. Drei Stunden später, als meine Arme lieber nach Hause wollen, stakse ich wie ein Storch zusammen mit meinem Drachenträger durchs Wasser. Konzentration und Übung ist alles. Während mein Kopf überlegt, was zu tun ist, schwebt der Drache hochkant auf der Wasseroberfläche in Startposition. Hier am Windfensterrand straffen sich die Leinen und das 7 Meter breite Segel ist gespannt. „Die Bar, also die Lenkstange anziehen und den Kite wieder hoch bringen“ ruft Thomas gegen den Wind. Keine leichte Aufgabe. Doch es klappt. Mein Lenkdrachen steht im Zenith genau über mir. Bescheiden, mein erstes Erfolgserlebnis.

 

Den Kite in den Zenith bringen ist keine leichte Übung. Im Ijsselmeer werden beim kitesurfen einem im Frühling auch die Hände und Füße recht kalt. Für den restlichen Körper trägt der Surfer einen dicken Neopren Anzug.

 

Noch habe ich festen Boden unter den Füßen. Das kühle Nass ist nur hüfthoch. Im 45 Grad Winkel lehne ich mich nach hinten in mein Trapez und schreibe mit dem Kite über mir 8-en in den Himmel. Erst kleine, dann große. Mit mir stehen rund 80 Neopren-Träger  wie wankende Pfähle im Wasser  und geben alles. Ab und an saust einer der Profis von hinten heran, wendet und tut so, als wäre ein Sprung das Normalste der Welt. Da bin ich noch lange nicht. Da geht noch was. Denn Kitesurfen kann doch Jeder. Oder?

 


Mit einem Kite ist nicht zu spaßen

Thomas, der Surflehrer, schaut bei jedem von uns acht Sprösslingen vorbei. Mit einem aufmunternden Nicken kommt er auf mich zugestakst. „Das klappt ja schon ganz gut. Wir üben jetzt mal bodydrags“ sagt er. Und ich murmle mein Mantra: „Bar loslassen, wenn es gefährlich wird“. Meinen Blick starr in den Himmel gerichtet schwant mir Böses. Und ich behalte recht: Wenig später hocke ich auf meinen Knien im Wasser. Hinter mir hockt Thomas und hält mich an der Schlaufe im Rücken meines Trapezes fest. Nur für alle Fälle, wie er sagt. Ich lenke meinen Kite in die powerzone, dorthin wo er die größte Zugkraft hat. Mein Herz rast, der Wind auch. Zur Not: Quickrelease, schießt es mir noch durch den Kopf, dann geht’s los. Mit unbeschreiblicher Kraft zieht mich der Kite hinter sich her. Vor Schreck und Glück schreie ich auf. Aber diesmal ist es anders, diesmal denke ich nach. Ich versuche weiter zu atmen und nicht wie ein Affe meine Lenkstange an mich zu ziehen.

 

Und dann ist er da. Der Moment der Momente. Der Kick. Mein Drache gehorcht mir, statt umgekehrt. Ich schleife durchs Wasser. Johle auf. Es sind nur die wenigen Millimeter meiner Lenkstange entlang der De-power Zone, die den Unterschied machen. Das erste Mal bin ich Frau der Lage. Nach einigen Metern steuere ich meinen Drachen wieder in den Zenit. Kurze Pause. Ich strahle. Jetzt will ich mehr. Tolles Gefühl. Doch das Wetter spielt nicht mit. Es wird zu stürmisch. Alle Anfänger raus. Erst jetzt merke ich, dass ich meine Hände vor Kälte nicht mehr bewegen kann.


Wohin der Wind auch weht

 

Mit der einen Hand an der Lenkstange und dem Blick auf die Steuerungs- und Sicherheitsleinen, trägt Thomas meinen Drachen in sicherer Entfernung an der mit luftgefüllten Seite. Im Schneckentempo geht’s Richtung Ufer. Das ein und auspacken der Ausrüstung erfordert Geduld. Der Wind hat sich geändert. Er ist jetzt inlandig und damit die Gefahr aufs Land beim kitesurfen gezogen zu werden zu groß. Nur die bunten Drachen der Profis taktieren weiter am Himmel hin und her. Und hin und her. Auch später am Tag noch als ich in meinem Bett liege … hin und her.

 

Am nächsten Tag peitscht mir der Wind ins Gesicht. Das ist nichts für Anfänger, der Wind ist ablandig – geht raus aufs Meer. Die Chance, eine der Anfängerübungen hin zu bekommen ist verschwindet gering. Warm eingepackt sitze ich auf einem der endlosen Deiche.

 

 

Schafe schnuppern an de Kites eines Kitesurfers. Sie stehen auf dem Damm am Ijsselmeer in Hindeloppen.

 

Schafe haben mich umzingelt und kauen genüsslich ihr Gras. Nur ein paar Profis lassen sich von den Zuschauern bewundern. In Gedanken sehe ich mich auf einem Brett stehen. Was muss ich tun, um zu wenden? Wann werde ich einen Wasserstart hinbekommen? Zukunftsmusik. Alles eine Frage der Technik. Aber es hat mich gepackt. Jetzt gibt’s nur noch eins. Üben!


 

Tipps für Anfänger

  • Auf jeden Fall einen Kurs besuchen! Und auf Jeden Fall nicht direkt eigenes Equipment kaufen, sondern erst mal schauen ob kitesurfen was für Dich ist!
  • Buche frühzeitig deinen Kurs in einer der ansässigen Kitesurf-Schulen wie Kitesurfles Friesland, Ok Surf oder der Kiteboarding Club KBC Holland.
  • Erkundige dich nach Rabatten z.B. für Schüler & Studenten oder Senioren.
  • Du kannst in der Regel das gesamte Kitesurf Equipment vor Ort ausleihen – das schont zusätzlich den Geldbeutel.
  • Ein guter Monat zum kitesurfen ist der Wonnemonat Mai – perfekte Temperaturen, perfekter Wellengang. Das Wetter ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Ansonsten geht die Kitesurf-Saison von April bis Oktober.

 

Übernachtung

Um eine nette Ferienwohnug oder ein Zimmer zu finden, kannst Du auf den bekannten Portalen suchen, z.B. airbnb, hometogo oder booking.com. Zusätzlich gibt es für die warmen Monate auch Camping Plätze wie Camping Hindeloppen oder Mobilheime bzw. Wohnwagen, die Du über die OK Surf Schule buchen kannst. Wenn Du in einem Bauwagen oder einem alten Zirkuswagen übernachten möchtest, dann schau mal hier rein, bei dem Campingplatz Welgelegen.

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14 Kommentare

  • L❤ebe was ist Februar 15, 2018 at 9:46 am

    ohh ja, das muss ich auch unbedingt machen, bzw. lernen!
    ich bin ja ohnehin ein Fan vom Surfen und SUPpen, das würde mir sicher riesigen Spaß machen 🙂

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von http://www.liebewasist.com

    Reply
    • Textwelle - Redaktion Februar 15, 2018 at 10:03 am

      Hallo Tina! Bist Du auch Surferin? Das ist ja klasse! Ich fand es sehr anstrengend, aber echt irre, wieviel Kraft hinter dem kite steckt. LG

      Reply
  • Linni Februar 15, 2018 at 9:59 am

    Hallöchen,
    das sieht ja klasse aus. Ich habe das noch nie gemacht, aber klingt nach einer Menge Spaß. Sollte ich mal ausprobieren!

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

    Reply
    • Textwelle - Redaktion Februar 15, 2018 at 10:02 am

      Es ist kalt aber echt toll! Und die Leute sind irre nett! Danke, Linda!

      Reply
  • Martina Februar 15, 2018 at 10:44 am

    Oha, das klingt ja nach jede menge Spaß und Muskelkater!

    Ich bin ehrlich keine Sportlerin, aber vor 2 Jahren haben wir einen Surfkurs in Frankreich an der Atlantikküste gemacht. Wellenreiten, war das cool! Ich konnte es natürlich überhaupt gar nicht, weil mir die Körperspannung fehlt, aber dennoch hat´s voll Spaß gemacht!

    Kitesurfer sehe ich immer wenn wir zum Achensee fahren, das sieht auch toll aus. Ich hatte den Kindern schon mal vorgeschlagen, daß sie das ja mal ausprobieren könnten…
    VG Martina

    Reply
    • Textwelle - Redaktion Februar 16, 2018 at 9:12 am

      Hallo liebe Martin! Ich fahre wieder ins Surf camp, auch an die Atlantikküste dieses Jahr mit Kind und Kegel. Macht irre Spaß und alle sind entspannt. Lieben Gruß!

      Reply
  • Ina Februar 15, 2018 at 12:46 pm

    Toller Bericht! Als wenn ich selbst dabei gewesen bin.
    Macht Lust mal Kitesurfen auszuprobieren.

    LG aus Norwegen
    Ina

    Reply
    • Textwelle - Redaktion Februar 16, 2018 at 9:11 am

      Du schreibst aus Norwegen? Klasse! Was machst Du dort? Kann man dort auch kitesurfen? Grüße!!

      Reply
  • Carrie Februar 16, 2018 at 5:45 am

    Das hab ich noch nie probiert, miss aber eine wahnsinnig tolle Erfahrung sein. Ich danke dir für deinen tollen Beitrag
    http://carrieslifestyle.com

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    • Textwelle - Redaktion Februar 16, 2018 at 9:01 am

      Hallo Carrie! Es ist wirklich was Einzigartiges dieser Sport. Danke und LG!

      Reply
  • Bianca Februar 18, 2018 at 8:44 am

    Wie cool! Kitesurfen wollte ich schon immer mal lernen! Wäre auch mal spannend, zu erfahren, ob es Ähnlichkeiten zum Gleitschirmfliegen gibt. Danke für Deinen tollen Bericht – jetzt bin ich noch mehr angefixt 😀
    LG Bianca

    Reply
    • Textwelle - Redaktion Februar 18, 2018 at 10:19 am

      Huhu Bianca! Habe dafür das Gleitschirmfliegen auf der bucket list! GlG!!

      Reply
  • Alexander von lenkdrachenfeuer.de März 4, 2018 at 5:51 pm

    +1 für den guten Artikel!

    Reply
    • Textwelle - Redaktion März 25, 2018 at 4:40 pm

      Oh, danke, Andreas! Das ist super! Freut mich! VG! Sirit

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