Bessere Fragen und gute Antworten im Interview #17

Die richtigen Fragen für mein Interview wollen gut überlegt sein

Ein Interview will gelernt sein. Es waren schon immer die Fragen, die die Welt beherrscht haben: Kriege ich ein Eis? Willst du mit mir gehen? Gibt es Gott? Um nur die drei wichtigsten zu nennen.
Im Podcastinterview kann man mit den richtigen Fragen große Aufmerksamkeit auslösen und sich mit den falschen Fragen um die Abonnenten bringen.
Zeit für ein schnelles Interviewtraining für gute Fragen und gute Antworten.
Von Markus Tirok,  von Interviewhelden

 

Netflix für die Ohren: der Podcast

In der Bahn, beim Sport und auf dem Weg zur Arbeit. Die Generation Kopfhörer liebt Podcast. Netflix für die Ohren, nur kostenlos und mitunter wirklich kreativ. Als Hörender.

Als Sendender ein Power Marketingtool, um Sichtbarkeit aufzubauen, sich Relevanz zu ersprechen und so neue Kunden zu begeistern. Und weil der technische Aufwand im Vergleich zu einer professionellen Videoproduktion simpel und preiswert ist, ist der Podcast für viele Solopreneure ein wichtiger Marketing-Kanal.

In der letzten Zeit verstärkt sich allerdings mein Eindruck, alle senden, keiner ist mehr auf Empfang. Denn auch ich liebe Podcast, muss aber sehr schmerzlich feststellen, dass ich bei vielen Episoden schnell ausschalte.

Meist dann, wenn es sich um ein Interview handelt. Das Gespräch, das Interview ist sicherlich das häufigst genutzte Podcast-Format. Es ist auch klar warum: Mit wenig inhaltlichem Aufwand produziere ich viele Minuten Content. 5 langweilige Fragen treffen auf einen Experten.

 

Falsche Fragen in einem Podcastinterview sind fatal, denn dann springen die Abonnenten ab

Quelle: Koester Fotografie, RMS

Falsch gedacht und falsch gefragt

Und genau so verlieren täglich die Podcast-Produzenten und Fragensteller ihre Abonnenten.

Denn die Bereitschaft, aus einer Podcast-Episode auszusteigen, ist in den ersten 90 Sekunden enorm. Gelingt es mir in eineinhalb Minuten nicht, so viel Interesse und Spannung aufzubauen, die Zuhörenden so in meine Story zu ziehen, verliere ich sie für die aktuelle Episode. Gelingt es mir in drei Episoden nicht, wird mich mein Abonnent verlassen. Schmerzlose Trennung.

In den vergangenen Wochen habe ich wirklich viele verlassen. Du auch? Ich ertrage die Qualität der Fragen nicht mehr. Ich bin zu neugierig, um mich 45 Minuten langweilen zu lassen. Dann wische ich sofort weiter, wenn anstelle einer ersten guten Frage, die Bitte kommt, sich doch selbst vorzustellen. Die Antwort höre ich schon nicht mehr.

Und da bin ich kein Einzelfall, unseren Ohren sind verwöhnt und bevorzugen Qualität.

 

5 Interview -Tipps für gute Podcast-Gespräche

Und alleine in dem letzten Absatz meiner flehenden Beschwerde liegen schon die ersten drei wertvollen Tipps für bessere Fragen. Übrigens – auf bessere Fragen folgen bessere Antworten. Als Fragensteller übernehmen wir die Verantwortung für den Verlauf des Interviews. Nicht die Antworten sind langweilig. Wir haben schlicht die falschen Fragen gestellt.

 

LEARNING 1: Die Qualität eines Interviews hängt von den Fragen ab.  Übernehme Verantwortung für Dein Interview und bereite dich exzellent vor.

Würden wir eine Präsentation vor 100-en oder 1000-den Menschen machen, ohne uns wirklich gut vorzubereiten? Das wäre Business-Suizid. Geschieht in Podcast-Interviews täglich. Recherchiere das Thema! Welche Haltung nimmt Dein Gast dazu ein? Was sind seine Thesen? Wie ist seine Biografie? Was genau möchtest Du von ihm wissen? Und wie möchtest Du Dich selbst im Interview positionieren?

Ich liebe meinen Job, führe gerne Interviews und Podcasts

 

 

LEARNING 2: Don’t waste my time.  Ich bin schnell – sagen die einen. Ungeduldig die anderen. Halten wir fest, ich nehme mir nicht die Zeit, einem epischen Gespräch zu folgen. Die beste Dauer für eine Podcast-Episode? Maximal 20 Minuten. Solange dauert der Durchschnittsweg zur Arbeit. Reicht nicht für Dein Interview?

OK – dann produziere aus einem Gespräch zwei Episoden. Oder komme auf den Punkt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass 20 Minuten nicht ausreichen, um eine Botschaft zu platzieren.

 

LEARNING 3: Stelle Deinen Gast bitte vor. Ich habe noch nicht raus gefunden woher die „Erzähl uns mal, wer Du bist“-Epidemie kommt, die sich online verbreitet. Ich möchte jedoch nicht meinen Gast bitten, sich selbst umständlich und unelegant vorzustellen. Das übernehme ich als Fragensteller selbst. Denn ich kenne meinen Gast, ich bin vorbereitet. Ich komme auch gleich zum Punkt und zu meiner ersten Frage und treibe damit das Gespräch nach vorne.

Denn – wir erinnern uns: in 90 Sekunden haben wir unsere Zuhörenden verloren. Und unser Gast wird bei Sekunden 90 in seiner Biografie erst beim Abitur angekommen sein.

 

LEARNING 4: die Chronologie des Schreckens Was geschieht, fragen wir im Interview „Wie bist Du dazu gekommen“?

Es gibt einen Throwback in die Kindheit, eine langweilige Geschichte durch die Jugend, eine austauschbare Erzählung über das Studium, dann die ewig gleiche Krisengeschichte, bis der Gast irgendwann nach einem Burn-out im Hier und Jetzt angekommen ist. Mit dem Ergebnis: Als Interviewer habe ich die Führung in meinem Interview längst verloren, genau wie ich meine Zuhörenden verloren habe. Frag nicht nach Chronologien. Frage nach Themen, nach Motiven, nach konkreten Erlebnissen.

 

Learning 5: Stelle konkrete Fragen Eine der häufigsten Fehler bei der Interviewführung sind zu große Fragen. Was ist Liebe? Was bedeutet Klimaschutz für Sie? Warum sind Sie selbstständig geworden? Die Antworten sind allumfassend und dauern Minuten. Die Antworten ufern aus, der Gast entgleitet unserer Führung. Wieder hat keiner an den Zuhörenden gedacht.

Führe das Gespräch. Stell kleine Fragen. Stell konkrete Fragen. Belastbare. Eine nach der anderen. Kleinteilig und konkret durch das Thema. Dicht am Gast. Dicht am Thema.

Wenn wir jedem Podcast-Interviewer bitten, diese fünf kleinen Tipps zu berücksichtigen, haben wir die Welt ein bisschen besser gemacht und können wieder spannenden Interviews und Gespräche lauschen.

 

Ein Interview Zuhörer schaltet ab, wenn nicht genau klar ist worum es überhaupt geht.

=> Werbung: Der erste Online-Tagesworkshop in Kooperation mit Gordon Schönwälder von den Podcasthelden.

  • 26. Juni 2019 Interviewtraining für Fragensteller
  • 4. Juli 2019 Interviewtraining für Antwortgeber

Infos und Anmeldung HIER entlang.

 

Hast Du bereits Erfahrungen mit Interviews und Podcasts? Schreib mir gerne einen Kommentar dazu!

Zum Autor

Interviewführung gehört zu den Werkzeugen eines gutes Moderators

Markus Tirok ist Moderator und Medientrainer. Er unterstützt andere dabei, bessere Fragen zu stellen und bessere Antworten zu geben. Markus Tirok ist Vorstandsmitglied im Bundesverband der Medientrainer  und Gründer der Interviewhelden. Dort baut er zur Zeit ein Online-Training für Fragensteller und Antwortgeber auf. Markus Tirok ist 48 Jahre und lebt glücklich in Hamburg.

Hier findest Du ihn: Markus Tirok bei Facebook, Instagram (Interviewhelden) und natürlich auf seiner Homepage!

Schreib ihm gerne, wenn Du Rat brauchst oder Tipps zu Interviews, Audios und mehr:  markus(at)interviewhelden.com

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17 Comments

  • Dr. Annette Pitzer Juni 11, 2019 at 9:21 am

    Tolle Tipps. Ich selber habe erst mit meinem Podcast „Gesundheitsgeflüster“ begonnen und bisher keine Interviews dafür geführt. Doch eins ist klar, die meisten Podcast-Interviews verlasse auch ich aufgrund der oben genannten Gründe.

    Reply
    • Markus Tirok Juni 11, 2019 at 11:37 am

      Und das ist ja super schade. Weil nach einem holprigen Anfang manchmal echte Schätze auf einen warten und wir die alle nicht mitbekommen. 🙈

      Reply
    • Markus Tirok Juni 11, 2019 at 12:23 pm

      Genau Annette – und das ist ja eigentlich sehr schade. Ich bin mir sicher, dass wir so manch eine schöne Story oder wertvollen Inhalt verpassen, nur weil wir als Zuhörender vergessen wurden. 🙂 Das können wir ja jetzt mal ändern. LG.

      Reply
  • Mo Juni 11, 2019 at 9:44 am

    Hey,

    mit Podcasts habe ich noch keine Erfahrungen sammeln können. Daher fand ich den Artikel super interessant. Interviews habe ich zwar schon geführt, aber eher einfach. Für Schülerzeitungen oder mal mit einem Buchautor.
    Die Tipps und Anregungen nehme ich gern mit.

    Liebe Grüße,
    Mo

    Reply
  • Markus Tirok Juni 11, 2019 at 12:25 pm

    Hey Mo – in Schülerzeitungen finde ich manchmal tolle Interviews. Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Chef der Bildzeitung, geführt von einem Schüler. Das war richtig gut – ist also nicht zu früh anzufangen, spannende Fragen zu stellen, um spannende Antworten zu bekommen.

    Reply
  • Britta Juni 11, 2019 at 1:44 pm

    Oh, das sind sehr interessante Tipps, die man auch zum Teil auf andere Interviews übertragen kann. Mit Podcasts habe ich ich bisher selbst noch nicht befasst.

    Liebe Grüße
    Britta von http://www.fraufreigeist.de

    Reply
    • Markus Tirok Juni 12, 2019 at 6:17 am

      Hey Britta – Du hast völlig Recht. Was die Genauigkeit der Fragen angeht, was die Größe der Fragen angeht – alles Handwerk, dass wir natürlich bei jedem gut vorbereiteten Interview einsetzen können. LG.MT-

      Reply
  • Nadine Juni 11, 2019 at 3:41 pm

    Als Journalistin habe ich natürlich schon viele Interviews geführt – allerdings bisher nur, um sie danach aufzuschreiben, nicht für einen Podcast. Ist sicher eine andere Art der Vorbereitung, wenn Fragen und Antworten genau so live gehen, wie sie gestellt werden, und es keine nachträglichen Änderungen/Freigaben geben wird.

    Reply
  • Busymamawio Juni 11, 2019 at 6:23 pm

    Ich bin eine ganz weniger Personen, die podcasts überhaupt nicht mögen! Ich lese mir lieber einen spannenden Artikel durch. Wie Du mit der chronologie beschrieben hast, langweilt es mir, irgendein gebrabbel von dem Leben einer anderen Person zu hören.
    Viele Grüße
    Wioleta

    Reply
    • Markus Tirok Juni 12, 2019 at 6:20 am

      Hi Wioleta – das mit der Chronologie der Langeweile funktioniert übrigens genau so bei Erzählungen. Es ist nicht spannend, wenn wir unsere Vita herunterbeten. Es ist spannend, wenn wir unsere GESCHICHTE erzählen.

      Reply
  • Carina Juni 12, 2019 at 4:37 am

    Das ist ein wunderbarer Beitrag! Ich bereite gerade ein neues Interview für meinen Podcast vor. Bei der Vorbesprechung habe ich meiner Interviewpartnerin schon ein paar Fragen vorgestellt, die ich fragen werde. Sie meinte, ok, da müsse sie sich auch gut vorbereiten. Ich glaube Vorbereitung ist auf beiden Seiten des Mikrophons wichtig.
    Danke für deinen Beitrag.

    LG
    Carina

    Reply
    • Markus Tirok Juni 12, 2019 at 6:22 am

      Hi Carina – super!!! Wenn mein Gastartikel schon das bei dir ausgelöst hat, bin ich total happy. Genau darum geht es. Es ist kein Zufall, es ist Vorbereitung. Und wenn jeder seinen Teil der Hausaufgabe übernimmt, dann kann das richtig gut werden. LG. Markus

      Reply
  • Carry Juni 12, 2019 at 6:45 am

    Interviews mag ich an sich sehr gerne, jedoch ausschließlich in Form von Text statt Podcasts. Letztere mag ich nämlich generell nicht. Doch egal welche Art, eine gute Vorbereitung ist einfach das A und O.

    Reply
    • Markus Tirok Juni 13, 2019 at 6:10 am

      Stimmt – das ist ja auch immer eine Frage des Geschmacks. Und ein zweites großes JA, was die Vorbereitung angeht. Gute Vorbereitung, weniger Nachbereitung.

      Reply
  • View of my Life Juni 12, 2019 at 8:09 am

    Ein toller Beitrag. Mit Podcast hatte ich selbst wenig zu tun, aber eine tolle Sache. Hier ist Vorbereitung einfach alles. LG, Claudia

    Reply
    • Markus Tirok Juni 13, 2019 at 6:11 am

      Finde ich auch Claudia – und wenn man weiß, WIE man sich gut vorbereitet, dann macht das auch noch alles viel Freude und Spass.

      Reply
  • Who is Mocca? Juni 12, 2019 at 2:10 pm

    Mega interessant! Ich führe selten selbst Interviews, eher bin ich die Interviewte. Aber auch das musste ich mir angewöhnen und lernen. Ein Prozess, wo man nach und nach besser wird! 🙂

    Liebe Grüße,
    Verena von whoismocca.com

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