Hütten im Nichts

Frauen in bunten Saris in Indien bei Chennai

Plastiktüten und durchweichte Pappen säumen den matschigen Weg. Der Regen prasselt wie das Wasser in einer Autowaschanlage vom Himmel. Und das schon seit Tagen, obwohl die Zeit des Monsuns längst vorbei ist. Das Hupen der Autos dominiert wie eine nicht enden wollende Hochzeitsgesellschaft die Straße. Es ist eine von vielen in der Megacity Chennai.

Kinder im Slum in Chennai, Indien. Viele von ihnen leben vom Papier sammeln. Ihre Hütten bestehen aus Plastik und Wellblech.

Kinder im Slum am Adyar Fluß, in Chennai, Indien

 

Wenige Meter sind es von der Brücke entlang auf dem schmalen, matschigen Pfad bis die Welt eine andere ist. Eben noch teilten sich Schülerinnen in Schuluniformen den Bürgersteig, jetzt wartet eine Traube Menschen erwartungsvoll an der ersten Hütte. Es riecht nach Abfall und modrigem Wasser. Hierher verläuft sich kein Inder. Hierher gehen nur diejenigen, die am Fluss „Adyar“ leben. Es sind die Leute vom Slum am Fluss.

 

Die Frauem im slum am Adyar Fluß hängen Wäsche auf. Manchmal haben Sie Nichts zu essen. Dann grillen sie Ratten, von denen es leider genug gibt.

Frauen im Slum am Adyar Fluss in Chennai

Oft wurde ich gefragt, wie ich denn zu dem Kontakt mit diesen Menschen kam. Meine Antwort: Einfach sich trauen, freundlich sein und hingehen!

Das solltest Du dabei beachten

  • Ein Slum ist kein Zoo in dem es darum geht diese Menschen wie Affen anzustarren.
  • Wenn du ihnen etwas als Geschenk mitbringen möchtest, dann überlege gut, was sie brauchen könnten: Decken, Teddies, Kämme, Zahnbürsten, Seife, Regenschirme .. aber sei Dir bewusst, dass, wenn Du einer Familie etwas mitbringst, dann kommen schnell auch Andere die etwas haben möchten.
  • Begebe Dich auf Augenhöhe: passe Dich den Gegebenheiten dort an und sei nicht der „reiche Tourist“, der seinen Schmuck, seine tolle Kleidung zur Schau tragen möchte.
  • Sei Dir bewusst, dass sie sich sehr über Sachen freuen, dass es aber ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben wird. Natürlich gibt es NGOs die viele von den slums registriert haben und „sich kümmern“, damit nicht Jeder Tourist einfach dort rein geht und Unruhe bringt. Dennoch habe ich es sehr genossen, Freunde dort gefunden, zwei Familien von dort betreue ich über World Vision India (Chennai) heute noch!
  • Was immer eine gute Sache ist, ist eine Patenschaft für ein Kind zu übernehmen oder eine Einrichtung wie ein Waisenhaus. Aber natürlich musst Du vorher genau recherchieren, welche Organisation (Tipps s.u.) seriös ist und wo das Geld genau dort ankommt, wo Du es haben möchtest.
Plastiktüten dienen als Kleidung und als Schutz

„Wir brauchen Reis, Decken und Medikamente“, sagt Matu auf Englisch, „Wir haben nur das was wir tragen, sonst Nichts“. Er trägt eine Plastiktüte auf dem Kopf während er versucht den Regen weg zu blinzeln. Seine dürftige Kleidung ist so nass, dass sie an seiner Haut klebt. Die Kinder neben ihm frösteln. Mit verschränkten Armen versuchen sie etwas Wärme zu halten. Sie lächeln, ihre Zähne klappern aufeinander. Ihre dichten, schwarzen Haare kleben auf ihren Kakao-braunen Gesichtern. Eine der Frauen hält ihr einjähriges Kind auf dem Arm. Sie trägt einen bunten Sari, wie es in Indien üblich ist. Ihre Stirn ziert seit ihrer Hochzeit ein roter Punkt. Wie viele Familien am Fluss leben weiß sie nicht.

In den slums von Chennai sind ie Menschen sehr freundlich. Am Adyar Fluss zieht sich das slum am Ufer entlang.

 

 

Die Hütten stehen wie Buden auf einem Jahrmarkt aneinander gereiht am Ufer. Es sind Gerüste aus dicken Ästen an denen die bunten Folien aus Plastik und Wellblech befestigt sind. Hier und da lächeln Politiker von über großen Wahlplakaten im Schutz gegen Regen und Wind. „Your name, your name?“ fragt eine der Frauen und wackelt mit dem Kopf. Ihre wenigen englischen Worte reichen nicht für eine Unterhaltung. Die Leute am Fluss sprechen Tamil, wie die meisten Menschen in diesem Teil Indiens. Telugu, Kannada und Urdu sprechen nur Wenige. Am Eingang der Hütte stehen Eimer und ein großer Topf. Darin sammelt sich Regenwasser zum Kochen. Drei kleine Kinder sitzen in Unterhosen zusammen gekauert in einer Ecke des dunklen Verschlags. Über ihnen hängt Wäsche auf einer Leine. Es gibt einen Fernseher, aber nur manchmal Strom. Der fällt regelmäßig aus, auch in den anderen Teilen der Stadt.


 Armut ist mehr als überall in Chennai

Chennai, das ehemalige Madras, liegt im nördlichen Tamil Nadu. Nur rund halb so groß wie Frankfurt, platzt die fünftgrößte Stadt Indiens mit 7,5 Millionen Menschen aus allen Nähten. Unzählige motorisierte Dreiräder, die so genannten Tuk-Tuks oder three-wheeler, quetschen sich auf den überfüllten Straßen aneinander vorbei. Mopeds und Motorräder drängeln sich dazwischen nach vorne als ob es um einen Platz in der ersten Reihe geht. Straßenlinien sind hier überflüssig. Atemmasken auch. Abgase und Müll sind Teil der Stadt, ebenso wie die Siedlungen der Armen. Sie gibt es an jeder Ecke, in jeder Seitenstraße.

 

Am Strand Marina Beach in Tamil Nadu ist das Wasser braun. Es ist leider voll mit Abwasser und Müll. Dennoch machen viele Familien dort Picknick oder gehen spazieren.

Marina Beach ist eine Erholung im Gewimmel der Millionen Metropole, in Tamil Nadu.


Marina Beach ist ein Strand, aber kein Traumstrand

Nur der Stadtstrand, Marina Beach, ermöglicht ein kurzes Luft holen. Mit 13 Kilometern ist er einer der längsten Strände der Welt. Er ist Teil der Koromandelküste am Golf von Bengalen. Am Abend flanieren dort ganze Familien, vorbei an den Buden an denen es Schalen mit Obst, Haarspangen, Plastikspielzeug und duftende Ketten aus Jasmin-Blüten als Haarschmuck für die Frauen zu kaufen gibt. Ein Durchkommen aus dem Schlauch von Verkaufsständen gibt es nicht. Der Weg durch den Sand führt direkt ans Meer. Mütter sitzen mit ihren Kindern vor den rauschenden Wellen und warten auf die Nacht. Einige sitzen in einem Kreis um ein Feuer aus Abfall. Baden geht hier niemand. Nur mit den Füßen. Dazu ist das Wasser zu dreckig.

Das Slum am Adyar Fluss ist eines von Vielen

Wenige Kilometer südlich von hier mündet der Adyar in den Ozean. Der Fluss ist mit 42 Kilometern Länge einer der beiden Hauptwasserwege Chennais. Niemand, der den Adyar über die Brücke an der Binny Road quert bemerkt das Slum. Dabei ist es nur ein Katzensprung von der Hotellobby des fünf Sterne Hotels Taj Connomera entfernt. „Ich arbeite hier seit einem Jahr und habe die Hütten noch nie gesehen“, sagt Bhupender erstaunt. Er ist Rezeptionist und erfüllt den Gästen jeden Wunsch. Hier ein individuelles, frisch zubereitetes Omelett zusätzlich zu dem ohnehin üppigen Buffet, da ein spezielle Tagestour mit Lunch Paket und eigenem Chauffeur. Auch diesmal überzeugen die Fotos, die Bhupender einem amerikanischen Ehepaar von Kalakshetra, dem Tempel der Künste zeigt: Wenig später machen sie sich im klimatisierten Taxi auf den Weg in den Süden Chennais, bereit auf filmen, rauchen und Fleisch essen an diesem heiligen Ort zu verzichten.


Im Tempel Kalakshetra kommt der Besucher aus dem Staunen

Gespreizte Finger und anmutige Gesten sind Teile des Bharata Natyam. Er ist einer der traditionellen Tänze Tamil Nadus, die zum Unterricht in Kalakshetra gehören. Täglich rollen die schwarz umrandeten, weit aufgerissenen Augen auch für Besucher von links nach rechts, klingen die Fussschellen der Schüler im Takt der Musik. Musik ist für sie Alles. Noch heute, 75 Jahre nach der Gründung Kalakshetras, stimmt jede Bewegung, jeder Blick der getanzten Dramen.

Auf dem Heimweg gönnen sich die Amerikaner ein wenig Abenteuer. Auf der Rückbank eines three-wheelers geht es eng eingezwängt zurück ins Hotel. Die Andacht des Erlebten verliert sich in der Hektik des Verkehrs. Im Schutzraum des dröhnenden Vehikels dringt der Lärm und der Geruch der Straßen von Chennai in alle Sinne. Nur wer kurz vor dem luxuriösen Ziel seinen Kopf leicht zur Seite dreht, der sieht sie: Die Hütten der Menschen vom Adyar Fluss. Die Hütten im Nichts.

 


 

Einige Hilfsorganisationen die Kindern in Not helfen
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18 Kommentare

  • Nicola Januar 11, 2018 at 6:02 pm

    toller Artikel, Sirit

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    • Textwelle - Redaktion Januar 12, 2018 at 4:03 pm

      Oh, vielen Dank, liebe Nicola! Wie schön von Dir! Ich freue mich dass sich unsere Wege gekreuzt haben!

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  • Sakthi Nallathambi Januar 22, 2018 at 3:37 am

    Thanks. it is a wonderful article. Even though I stayed in Chennai for 5 years, these did not strike my mind. I always had dreamt of serving my fellows but I think the situation is here.

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    • Textwelle - Redaktion Januar 22, 2018 at 6:20 am

      Thank you very much! So you could read german? Yes, I am always „shocked“ by how many people have never encountered such poverty while staying in luxusy Hotels 1 minute away from such desastrous conditions. Lot of people cannot cope with it, though it would help so much if more people involve themselves in helping. Unfortunately, that is not the case. Thank you again!

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  • Michelle Februar 17, 2018 at 7:38 am

    Starker Artikel!
    Es ist krass wie nah Armut und Reichtum nebeinander liegen und dass sie voneinander nichts mitbekommen.
    Ich finde es gut, dass du dort warst.
    Viele Grüße <3

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    • Textwelle - Redaktion Februar 17, 2018 at 7:41 am

      Ich danke Dir, Michelle! Ja, ich konnte nicht anders. Es gab dort Schlimmes zu sehen … aber das bringt Realität in die Sache. LG!

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  • Liebe was ist Februar 17, 2018 at 10:47 am

    diesen Eindruck kann ich durch meine Reisen durch Nepal und Indien nur absolut bestätigen liebe Sirit 🙂

    super toller Bericht!
    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von http://www.liebewasist.com

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    • Textwelle - Redaktion Februar 17, 2018 at 10:56 am

      Ich danke Dir, sehr, Tina! Gibt es ein Nepal Bericht von Dir? Würde sehr gerne lesen! GlG!!

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  • Ina Februar 17, 2018 at 12:00 pm

    Danke für den tollen Text! So wichtig uns immer wieder vor Augen zu führen wie gut es uns hier geht und unsere Handeln in so vielen Sachen immer wieder zu überdenken und zu reflektieren!

    Lg aus Norwegen
    Ina

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    • Textwelle - Redaktion Februar 17, 2018 at 12:21 pm

      Da hast Du Recht! Ich danke Dir, Ina!

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  • Tanja L. Februar 17, 2018 at 1:50 pm

    Ein sehr interessanter Beitrag. Ich glaube, den werde ich auch in meiner Monats-Best-Of „Blogperlen“ vorstellen!

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    • Textwelle - Redaktion Februar 17, 2018 at 8:41 pm

      Tanja!!!! Das wäre klasse! Echt? Wie cool! Danke Dir sehr !!!! Freut mich!

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  • Sigrid Braun Februar 17, 2018 at 4:35 pm

    Ein sehr interessanter und beeindruckender Artikel. Ich mache mir schon seit einiger Zeit Gedanken über eine Patenschaft. 30 € sind für uns nicht viel aber können viel bewirken.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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    • Textwelle - Redaktion Februar 17, 2018 at 8:37 pm

      Ja. Ich finde es bemerkenswert wie wenig Menschen sich mehr kümmern … egal ob mit Zeit oder Geld… komische Gesellschaft manchmal! Tut gut Dein Kommentar, Sigrid!!

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  • Viktoria Februar 18, 2018 at 4:17 am

    Danke für diesen spannenden Einblick. Solche Momente gehören auf Reisen ganz gleich dazu wie andere um ein kompletteres Bild eines Landes zu gewinnen.

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    • Textwelle - Redaktion Februar 18, 2018 at 7:25 am

      Danke, liebe Viktoria! Schönen Sonntag Dir!

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  • Nika Februar 18, 2018 at 1:26 pm

    Ein toller Artikel der unter die Haut geht! Touristen versuchen oft die Augen davor zu verschließen, dabei sollte man genau da hinschauen und helfen!
    Nika von Open your wings

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    • Textwelle - Redaktion Februar 18, 2018 at 3:02 pm

      Touristen versuchen das nicht nur, sondern machen das in 99 % der Fälle, dabei war z.B. dieses slum keine 50 m weg vom nobelhotel!!! Aber niemand hat’s gesehen … aber ich muss gestehen dass die Antwort oder den Satz den ich am meisten gesagt bekomme ist: Nein, da möchte ich nicht hin, das pack ich nicht. Da ist jeder eben anders.

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